Gedichte - aus dem unveröffentlichten Roman "Der Gürtel"

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Am nächsten Morgen, noch vor Sonnenaufgang weckte Elly die Kandidaten: "Los ihr Faulpelze Selwéka, Kaygu und der Tigermann warteten bereits. Wir wollen die Gedichte hören!" Sie sprangen auf und huschten ins Versammlungshaus. "Los Evluna, fang an", sagte Selwéka zu ihrer Tochter.

Das Jenseits
Die stillen Winde lauern
an Flusses Säumen, in der Höh,
Unter der Erd, überall!
Stille. - Gedanken.
-
Alles tief in mir drin
eines Tags müde flieht,
in die Unterwelt zieht!
Wenn nicht Marlafas Göttin,
Bringt mein Sein zum letzten Ort
Eine Halle voll Licht und Geist,
einem Paradiese gleich.
-
Mein stiller Wind darnach
Die Lebenden lenkt.
Schlangenkinder die Boten
bringen unseren Lieben Glück!
Und töten die Zweifler.
-
Nachbars Stille mit Geschick
Sich auf des Adlers Rücken schwingt.
Fortan wie ´ne Wolke schweift umher.
Und Künftiges sieht
Licht und Schatten.
Und den Lieben hilft siegen!

"Schluck", dachte Elly verwundert, während sie Hay streichelte. "Was war das denn? So etwas hab ich ja noch nie gehört."

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Aber der Unterricht sollte weitergehen und so fragte diesmal Selwéka: "Hat jemand von euch sich ein normales Gedicht ausgedacht? Was ist mir dir Agostina?" Die Angesprochene trug stotternd ihr Gedicht vor:

Der Richtige
Seine Figur war herrlich,
der Atem schrecklich.
Da sprach die Maus:
Geh bloß nach Haus.


Der Nächste kam,
Ganz ohne Charme
Da sprach die Maus
Geh bloß nach Haus


Es stolziert´ heran -
Ein hohler Mann
Da sprach die Maus
Geh bloß nach Haus


Zum End ein Held
Nahm sie mit ´ns Zelt
War nett und warm
Warf sich ihm in den Arm.

Die gefürchtete Selwéka schonte sie: "Ganz nett. Und was ist mit dir Lanery? Trag mal deinen geistigen Erguss vor!"

Alles zu seiner Zeit
Die Wolken ziehn, der Wind, er pfeift.
Ich bleib zu Hause, damit du´s weißt!


Der Regen schlägt, der Wind zu kalt.
Ich bleib daheim, damit du weißt!


Der Schnee so kalt, das Eis so glatt.
Ich bleibe hier, damit du´s weißt!


Die Sonn so mild, die Luft so klar.
Die Jagd die ruft, du weißt Bescheid!


Die Dämmerung naht, der Hecht er raubt.
Die Beute lockt, du weißt Bescheid!


Der Frühling naht, das Mädchen lacht
Mein Herz es schlägt, du weißt Bescheid!"

Aerae meldete sich: "Ich könnt mit das gut als Lied vorstellen. Mit der richtigen Melodie und mehr Strophen ist das prima."
Selwéka verdrehte die Augen und schaute zu Karzü rüber: "Was ist mit dir große Künstlerin, kannst du mehr als Gänsemutter spielen und Vöglein zuhören? Hast du dir ein Gedicht ausgedacht? Bin mal gespannt."
Selwékas Sarkasmus ging Karzü auf die Nerven. Das Gänsemädchen stand auf und schaute ihrer Ausbilderin in die Augen, lächelte und trug ihr Gedicht eindringlich, akzentuiert, fast beschwörend vor:

´ liebe
Du gefällst mir, oder auch nicht.
Wer ahnt das schon,
du flackerndes Licht, du Geist,
du Mensch, du Tier
Ich liebe meinen Nachbarn, meinen Nächsten -
vielleicht.
Aber heut Nacht, wer weiß
Liebe ich mich - durch dich!"


Du hast mich geliebt,
Hab ich dich geliebt?
Wer weiss?
Du vergisst. - Mich nicht! Ich such neu´s Licht
Ich liebte gestern - heute nicht,
Ein Morgen gibt´s, für uns:
- Nicht! - Nur für mich!"

Selwéka wollte nicht diskutieren, hätte es auch nicht gekonnt. Also sagte sie ablenkend: "Diese Art von Gedichten wirft mich wirklich nicht um. Es gibt Schönere." Bers stand auf, was Karzü wohlwollend registrierte und sagte: "Das Gedicht gefällt mir. Dein Urteil ist ungerecht."
Jetzt mischte sich Marlafa ein: "In Ordnung Bers, du hast recht. Ich finde es allerdings ungehörig, wie provozierend sich Karzü vor Selwéka aufgebaut hat, fast wie ein Storch, der einen Frosch fressen will."
Sie machte eine Pause, ging zwei Schritte rückwärts und schaute sich Karzüs von oben bis unten an: "Lange Beine wie ein Storch und einen großen Schnabel hast du auch."
Selwéka zuckte mit den Schultern und sagte: "Okay Bers, ich höre mir Karzüs Gedicht morgen nochmals an, aber jetzt will ich dein Gedicht hören."

Leben und Sterben
Tanz kleiner Mann, tanze kleine Frau
tanzt - träumt nicht nur.
Seid schlau
Schlüpft ins Versteck
Denkt, hört und fühlt
Küsst und beglückt euch.
-
Jag kleiner Mann, jag kleine Frau
jag - träum nicht nur.
Sei schlau
folge der Spur
riech, hör und schau
Schlüpf ins Versteck
spanne, ziel und schiess
Töte und feier.
-
Denk kleiner Mann, denk kleine Frau
denke - träum nicht nur.
Sei schlau
folg der Natur
überleg - sei kreativ
träum und denk
Bau, male und erschaff
Neues für dich und mich
-
Sterb kleiner Mann, sterb kleine Frau
Vollend dein Sein - verblass nicht nur
Sei schlau
folg Towra
Überlegen - unsterblich - schön!
träum und fühl Geist und Licht.
Vergeß mich nicht!"

Jetzt waren es Marlafa und Selwéka gemeinsam, die schlucken mussten: "Na Bers, hast du dich mit Evluna zusammengetan und gemeinsam Gedichte verfasst."
Bers freute sich sehr: Sein Gedicht stellte sie mit Evluna auf eine Stufe. Er schaute unwillkürlich zu ihr hin. Evluna lächelte ihn an, was Bers in diesem Moment zum glücklichsten Menschen der Welt machte.

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